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Lyrikertreffen Münster 2019 - Begegnungen mit dem Literaturkritiker Christian Metz

Dem Nichts eine Form geben oder Today I am functional

 

Mit dem englischen Titel eines Gedichts von Christiane Heidrich endete eine immer lebendiger gewordene Autorenlesung am Gymnasium Paulinum im Rahmen des alle zwei Jahre stattfindenden Münsteraner Lyrikertreffens mit dem Literaturkritiker Christian Metz am 24. Mai.

Das aus dem Jahr 2018 stammende Gedicht der Lyrikerin enthält eine Art Zugeständnis mit der Zeile: „Ich habe kein Thema“ und ist doch als Gedicht dazu geeignet, „einen anderen Raum zu öffnen“, so Metz.

Dieser andere Raum wurde durchaus geöffnet durch interessierte Fragen der Schülerinnen und Schüler aus Oberstufenkursen von Herrn Arlinghaus und Frau Schmänk-Strotdrees.

Dem Gedicht „Today I am functional“ von Heidrich konnten die Schülerinnen und Schüler eine kritische Sicht auf unsere Gesellschaft entnehmen, die Metz daraufhin als „Funktionsgesellschaft“ beschrieb, in der das Selbst des Menschen immer mehr in den Hintergrund gerate.

Ob das ein Grund ist, gegenwärtige Lyrik zu lesen? Ein weiterer Fragehorizont, dem ein Wechselspiel im Dialog zwischen Christian Metz und dem Schülerpublikum voranging in der

Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Selbstverständnis von Dichtern. Diese seien immer in der Lage, eine „neue Welt zu zaubern aus dem Nichts“, sagte Metz – egal, ob

dabei um Metaphern gehe wie „Honigprotokolle“ bei der Beschreibung von Bernstein in einem Gedicht von Monika Rinck („Unio Wiesel“ von 2012) oder um das Gedicht „Daheim“ aus dem Jahr 2003 von Nora Gomringer, das eine scheinbare „Idylle in der Reihe“ (Metz) in konsequenter Kleinschreibung darstellt.

„Worin besteht die Aufgabe als Leser?“, fragte Metz die Schülerinnen und Schüler. Ein aktives Mitdenken und Auseinandernehmen sei hier gefragt, lautete die Antwort aus der Schülerschaft. Diese Haltung im Umgang mit Gedichten der Vergangenheit - hier besonders der Erlebnislyrik - und Gegenwart sei auch bei einem Gedicht wie „Daheim“ von Gomringer schon der Anfang von Unterwegssein. Denn: „Ohne Zuhause kein Unterwegssein“ – so Metz.