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In Münster heimisch geworden

In Gremmendorf haben (v.l.) Juman Baluokh, die Söhne Tambi und Nawrez und Khaled Ali eine Wohnung gefunden.

Seit zwei Jahren leben Khaled Ali und Juman Baluokh mit ihren Kindern in Münster. Inzwischen ist die Familie heimisch geworden. Die Eltern haben eine Anstellung gefunden, der Sohn besucht das Paulinum. Die Geschichte dieser Familie ist eine Erfolgsgeschichte.

„Es ist viel passiert“, sagt Khaled Ali, lächelt und lässt sich in sein Sofa zurückfallen. Seine Familie hat sich gut in der neuen Wohnung in Gremmendorf eingelebt, seit vergangener Woche ist sie im Besitz eines eigenen Autos, und Sohn Nawrez hat zum ersten Mal in seinem Leben die Nordsee gesehen. Wie es dort war? „Irgendwie anders“, sagt der Zwölfjährige und macht ein sparsames Gesicht. Wohnung, Auto, Nordsee-Ausflug: Für die meisten Deutschen ist das nichts Besonderes. Für Khaled Ali und seine Familie schon. Im August 2014 verließ sie den Kriegsschauplatz Aleppo, gelangte über die Türkei und Griechenland nach Deutschland und bezog schließlich in Gievenbeck die erste, noch von der Stadt vermietete Wohnung.

Im Gespräch mit der Münsterschen Zeitung berichtete die Familie im Sommer 2015 – noch vor dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle – von ihrer Flucht und den ersten Gehversuchen. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, wollte die Redaktion wissen, was sich seitdem getan hat.

Familie hat sich gut eingelebt

Hausbesuch in Gremmendorf: Juman Baluokh, Alis Frau, öffnet die Haustür. „Willkommen in unserer Wohnung“, sagt sie – natürlich auf Deutsch. Zusammen mit ihren beiden Söhnen wohnen sie im Obergeschoss eines Hauses. „Die Vermieterin hatte sich unmittelbar nach dem ersten Zeitungsartikel bei uns gemeldet“, sagt Ali. Der 45-Jährige bittet ins Wohnzimmer, Tisch, Sofas, eine Schrankwand, der Fernseher läuft. Tambi, mit drei Jahren das jüngste Familienmitglied, schaut einen Trickfilm. Und in der Ecke: ein geschmückter Weihnachtsbaum aus Plastik. „Er steht seit sechs Wochen hier“, sagt Ali und lacht herzlich. Der Raum, wo er vorher war, ist neuerdings das Kinderzimmer von Tambi.

Die Eltern setzen sich und beginnen zu erzählen. Ja, es ist wirklich viel passiert seit dem Sommer 2015. Beide sprechen hervorragend Deutsch, der zwölfjährige Nawrez akzentfrei. Er geht aufs Paulinum, hat gute Noten in Mathematik, Physik, Englisch, Latein. „Nur in Sport hat er eine drei“, sagt der Vater und grinst. Nawrez erzählt, dass es anfangs nicht so leicht gewesen sei am Gymnasium. „Ich habe viel am Schreibtisch gesessen“, sagt er. Doch mittlerweile laufe es gut. Einen Berufswunsch hat er auch: „Ich würde gerne Arzt werden.“

Zufriedenheit

Seine Mutter arbeitet inzwischen in Teilzeit als Bauingenieurin bei einem münsterischen Unternehmen – sie macht damit das gleiche, was sie in ihrer syrischen Heimat gemacht hat. Parallel absolviert sie an der Universität den Master in Ingenieurwesen. „In Vorlesungen brauche ich allerdings immer noch die Übersetzungs-App auf dem Smartphone“, sagt sie.

Ihr Mann hat ebenfalls eine Stelle. In Aleppo arbeitete er als Finanzmanager, nun ist er für die Bezirksregierung in der Flüchtlingsarbeit tätig. Jeden Tag fährt er mit dem Zug nach Rheine, „hin und zurück kommen da schnell drei Stunden zusammen“. Doch er ist zufrieden mit seiner Arbeit und hofft, auch über Ende 2018 hinaus – so lange ist die Stelle befristet – weitermachen zu können.

Und Tambi? Der besucht eine Kita in Gremmendorf. „Sie ist nur ein paar Meter entfernt“, sagt die Mutter.

Nun also hat die Familie auch ein Auto, einen Mitsubishi. „Vielleicht machen wir demnächst mal einen Ausflug“, sagt Khaled Ali. Den syrischen Führerschein hat er inzwischen für Deutschland umschreiben lassen.

Familie möchte dauerhaft bleiben

Drei Jahre ist die Familie nun in Deutschland, die Anerkennung als Flüchtlinge läuft zunächst bis Sommer 2018, doch Sorgen macht sich Khaled Ali nicht, die Sprachkenntnisse seien so gut, dass die Familie mindestens drei weitere Jahre bleiben dürfe. Er, aber auch seine Frau und Nawrez betonen allerdings ausdrücklich, dass sie auch darüber hinaus in Deutschland bleiben möchten. „Hier ist Frieden“, sagt der Sohn. Derweil träumen seine Eltern von einem eigenen Haus, „irgendwo im Münsterland“.

„Man muss einen Traum haben“, sagt der Vater. „Wenn wir viel arbeiten, dann können wir das auch schaffen.“ Und seine Frau ergänzt: „Wenn man viel arbeitet, dann kann man alles schaffen.“ Nebenbei ist es ihnen gelungen, einen Freundeskreis aufzubauen. Regelmäßig treffen sie ein älteres Ehepaar aus Münster, auch mit Eltern von Mitschülern ihres Sohnes sind sie befreundet.

Vermissen sie denn gar nichts? „Doch“, sagt Ali, „unsere Familien in Syrien.“ „Und die syrischen Sommer“, sagt seine Frau und lacht. „Da dauert er nämlich vier Monate. Und nicht nur zwei Wochen.“ (Martin Kalitschke, Münstersche Zeitung, 19. November 2017)

http://www.muensterschezeitung.de/Lokales/Staedte/Muenster/3058427-Fluechtlingsfamilie-aus-Syrien-In-Muenster-heimisch-geworden