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„Der EU-Beitritt der Türkei ist kein Autokauf“ – Europatag am Paulinum

Mit diesem Statement begann der ehemalige Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz seine Antwort auf die Frage, ob die Türkei jemals Mitglied der Europäischen Union werden könne. „Möchte ein Land offizielles Mitglied werden, muss in dem potenziellen Beitrittsland das gleiche Recht gelten, d.h. ein Land verpflichtet sich, sich das gemeinsame Regelwerk der EU zu eigen zu machen. Hierzu muss allerdings ein Regelwerk von über 80.000 Seiten in nationale Gesetze umgewandelt werden.“ Ob er dies mit seinen bereits 70 Jahren trotz guten Gesundheitszustandes noch erleben werde, bezweifelte Polenz. Auch Dr. Ömer Lütfü Yavuz, Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt Münster, war sich des zeitnahen Beitritts nicht sicher, hofft aber weiter. Die beiden Gastredner waren der Einladung der Fachschaft Sozialwissenschaften gefolgt, um mit der Q1 am diesjährigen Europatag (10.5.2017) über den möglichen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nach dem Referendum im April dieses Jahres zu diskutieren.

Die Fragen der Schülerinnen und Schüler zielten jedoch nicht nur auf die Folgen der Verfassungsreform ab, sondern reichten von der Armenienresolution über das Schmähgedicht von Böhmermann bis hin zum Putsch im Juli 2016. Auch wurde immer wieder von beiden Gästen die wichtige wirtschaftliche und politische Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei erläutert. Es wurde jedoch ebenso deutlich, dass ohne eine funktionierende Demokratie, einen funktionierenden Rechtsstaat und Minderheitenschutz die Eintrittskarte in die EU für potenzielle Mitgliedsstaaten nicht ausgestellt werden kann.

Interessant für die Zuhörer war vor allem, wie die Gäste, aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lebensgeschichte, die Fragen aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten und somit einem eindimensionalen Urteil entgegenwirkten. Vor- und nachbereitet wurde die Gesprächsrunde in kleinen Arbeitsgruppen, die von den Politiklehrerinnen und -lehrern der Schule geleitet wurden. Die abschließende Urteilsfindung in den einzelnen Gruppen machte noch einmal die Komplexität des Themas deutlich. (Laura Diepenbeck)